Unsere Welt gibt's nicht retour

, ein Beitrag von Nicole de Jong
Bereit für den Rückversand: zahlreiche gestapelte Kartons.

Jeder von uns hat es schon getan: Eine online bestellte Sendung zurückgeschickt, weil die Ware doch nicht gefiel oder ein Kleidungsstück nicht passte. Ist auch kein Problem, die Retoure kostet ja nichts. Scheinbar. Der Käufer hat per Gesetz das Recht, ohne Angaben von Gründen innerhalb von 14 Tagen von seinem Online-Kauf zurückzutreten. Doch jede Rücksendung kostet den Händler Geld  – das Porto, die Bearbeitung der Ware und die Wiedereinlagerung oder Entsorgung. Und nicht nur das: Der Händler bezahlt ja auch den Transport zum Kunden hin, schickt dieser die Ware zurück, legt er am Ende drauf, da er nichts verkauft hat.

Die Deutschen sind Weltmeister im Zurückschicken von online bestellter Ware. Knapp die Hälfte der Besteller kalkuliert die Rücksendung bewusst mit ein. Vor allem bei Bekleidung, die der Kunde nach Lieferung zu Hause anprobiert, ist die Retourenquote hoch. Viele ordern das gleiche Teil in zwei Größen, die Retoure ist programmiert, da voraussichtlich nur eines passt. Händler, die die Rücksendung erschweren oder gar kostenpflichtig machen, reduzieren eher die Nachfrage als ihre Rücksendequote. Das haben Untersuchungen des Marktforschungsinstitutes IFH Köln ergeben.

20 Millionen retournierte Artikel wurden im letzten Jahr entsorgt

Und es kommt noch schlimmer: Alleine im vergangenen Jahr wurden schätzungsweise 20 Millionen retournierte Artikel entsorgt. Erschreckend: Die Entsorgung ist häufig alternativlos, hat die Forschungsgruppe Retourenmanagement der Universität Bamberg ermittelt. 7,5 Mio. Artikel werden demnach vernichtet, weil die Verwertung unwirtschaftlich oder das Spenden zu aufwendig, risikoreich oder teuer ist. Rund eine Million Artikel werden entsorgt, weil die Marken- und Patentinhaber das vorgeben und den Händlern eine Verwertung aktiv untersagen.

Nachhaltiges Wirtschaften geht anders. Retouren verschwenden nicht nur wertvolle Ressourcen, sondern belasten Infrastruktur und Umwelt nicht unerheblich. Jede Online-Bestellung setzt die Logistikmaschinerie in Gang und löst Verkehr aus. Die Ware muss produziert, vom Hersteller zum Händler und schließlich zum Endverbraucher befördert werden. Alle Transporte, sofern sie nicht CO2-neutral geschehen, belasten unser Klima. Die Zahl der Transporte, die aufgrund des E-Commerce entstehen, steigen von Jahr zu Jahr.

Alleine die Kurier-, Express- und Paketdienste (KEP-Dienste) haben 2018 pro Tag fast 12 Millionen Sendungen an Unternehmen und Endverbraucher geliefert. Das sind aufs ganze Jahr gerechnet 3,5 Mrd. Sendungen und zig Millionen zurückgelegte Fahrzeugkilometer auf der Straße. Mehr als je zuvor. Verglichen mit dem Jahr 2000 hat sich die Zahl der Sendungen sogar mehr als verdoppelt, heißt es in der KEP-Studie 2019 des Bundesverbandes Paket und Expresslogistik (BIEK). Ein Ende des Wachstums ist nicht in Sicht: So rechnen die Experten bis 2023 mit einem jährlichen Plus an Sendungen von 4,7 Prozent. Der Durchschnittserlös pro Sendung liegt der Analyse zufolge bei 5,80 Euro pro Sendung. Bedenklich: Im Jahr 2000 gab's noch 5,94 Euro im Schnitt. 

Bitte denkt kurz darüber nach, ob ihr die Ware wirklich dringend braucht

Selbstverständlich bereichert der E-Commerce unser Leben. Online bestellen ist bequem, die Auswahl im Internet riesig. Und daher sagen die Transportbotschafter "everybody needs logistics", aber nicht um jeden Preis. Wir appellieren an jeden, vor jeder Bestellung kurz darüber nachzudenken, ob er die Ware wirklich dringend braucht, ob er von vornherein eine Retoure ausschließen oder das gewünschte Produkt vielleicht auf dem Hin- und Rückweg zur Arbeit beim stationären Handel beschaffen kann.

Auch Händler müssen unserer Ansicht nach umdenken. Wer mit dem Slogan "versandkostenfrei" lockt, erzeugt die Fehlinformation, dass Versand nichts kostet. Er könnte dem Kunden anbieten, die Versandkosten für ihn zu übernehmen oder ihm diese einfach in Rechnung stellen und sollte sich auch die Abwicklung der Retouren entsprechend bezahlen lassen. Damit könnte er eventuell kostenneutral wirtschaften, aber zumindest das Bewusstsein der Kunden schärfen.

Autorin Nicole de Jong ist Journalistin im Redaktionsnetzwerk von 3F Kommunikation


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